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Betrachtungen des Künstlers
 
 
Betrachtungen eines Sammlers
 
 

 

 
2016 Diese Kunst ist Sprengstoff, fast alle Künstler nasse Zündschnüre

Die Bücher von Gerhard Multerer sind keine Bücher.
Es sind Spaten, gewaltige Spaten. Jede Seite ein Stich. Ein tiefer Spatenstich.
Und der Acker, den sie umgraben, der schon lange abgegraben gehört, hat es in sich.
Ein Acker, auf dem schon lange nichts lebendiges mehr gedeiht.

Da ruft das Phosgengas des Ersten Weltkriegs. Da schlummert die Bleikugel neben dem Blut der ersten Räterepublik. Darüber die bleiche Asche der Krematorien. Gewürzt mit Zyklon B.
Plutonium, hingehaucht von den ersten Atombombenversuchen. Strontium aus Tschernobyl.
Wird es darüber hell?
Das trockene Laub der Genmaisernte kuschelt sich an die Reste der Nanoteilchen, die ein eiliges Liebespaar verlassen hat.

Der Spaten lässt sich nicht beirren. Geleitet von einer unsichtbaren Melodie, einer unerhörten Vision, trägt er ab. Schicht um Schicht, Buch um Buch.

Die Bücher von Gerhard Multerer sind keine Bücher.
Es sind Spiegel für eine Wirklichkeit. Glasklare Spiegel. Jede Seite zeigt ein verstecktes Teil.

„Nutze deinen Vorteil!“ „Was zählt ist der Erfolg.“ „ Zeit ist Geld.“ „Vertrauen ist Schwäche.“ Normalerweise gut gekleidet, stehen diese Sätze in der Unterhose da.


Die Bücher von Gerhard Multerer sind keine Bücher
Es sind Lebensmittel, starke Lebensmittel. Jede Seite eine andere ARTzenei.
Wenn es uns in 50 Jahren noch gibt, wird man sie auf Rezept bekommen.
Denn sie verstehen sich auf schamanische Heilkünste.

Den Vergangenen vergeben. Wiedergutmachung leisten. Entgiften. Visionen wecken.
Für ein Leben, dem es nicht nur ums jämmerliche Überleben geht.
Für ein Leben, in dem es einem nicht mehr schlecht wird, wenn man das Wort Liebe hört.
Wo die Kunst dem Leben dient, nicht dem Kommerz.
Wo akademische Kunsthistoriker nicht nur Schleim auswerfen, sondern selbst den Spaten ergreifen.

Die Bücher von Gerhard Multerer sind Künstlerbücher.
Mit Zündschnüren, mit trockenen, strohtrockenen.

Sie führen in das Zentrum der ursprünglichsten Energie, der Liebe.
Die aber erst herausgesprengt werden muss. Aus dem Himalaja der Machenschaften.
Die Kunst von Gerhard Multerer ist dieser Sprengstoff.

(Text von © Peter Galle/München)

 
    
2007 Archivar der Zeit

fünf Monate über petrarca nachgedacht

12.00 bis 14.00 Papier beschafft

15.00 bis 24.00 „roses are still roses”

So ist es, kaum auffindbar, auf der Innenseite des hinteren Einbanddeckels des Künstlerbuches roses are still roses zu lesen. Eher beiläufig skizziert Gerhard Multerer damit die seinen Kunstwerken in Buchform zugrunde liegende Arbeitsweise: Dem eigentlichen Prozess künstlerischen Gestaltens geht monatelange konzeptuelle Arbeit, geistiges Sammeln und Sichten, voraus, die dann in nur wenigen Stunden in einer Entfesselung schier unglaublicher Energien in einem seiner Künstlerbücher endet.

Der Antagonismus zwischen Ratio und Emotion bezeichnet jedoch nicht nur die künstlerische Arbeitsweise, sondern auch die Grundstruktur der Werke Gerhard Multerers.

Bauchbeben, eines seiner frühen Werke aus dem Jahre 1991, das (ohne Titelblatt) 15 in einem schlichten Album zusammengefasste Aquarelle in aggressiver Farbigkeit enthält, zeigt den Menschen als Eingeschlossenen, der sich in einem emotional aufgeladenen Raum bewegt, wobei er diesem zwanghaften System nicht entfliehen kann. Das fragile Seidenpapier, das sich unter der Kraft der Farben aufwirft und verformt, vermittelt den Eindruck, als würde das Geschehen in die Dreidimensionalität verlagert – ein Verfahren, das Gerhard Multerer in späteren Büchern derart perfektioniert, dass Buchskulpturen entstehen, die die Begrenzungen der Zweidimensionalität verlassen und nun den Gesetzen von Raum und Zeit folgen. In einem vom Künstler dem Buch beigegebenen handschriftlichen Text ist das der Bilderfolge zugrunde liegende Konzept erkennbar:

Bauchbeben“ steht in enger Beziehung zur „Neunaugensuite“. In der„Neunaugensuite“ wurde das Eingebundensein des Fisches in einen Kreislauf – sowohl physikalisch als auch philosophisch betrachtet – dargestellt, wobei herausgestellt wurde, daß der Fisch das „zirkuläre System“ in dem er sich bewegt nicht empfinden kann.

In der „Bauchbeben-Mappe“ ist die ganze Thematik mehr auf den Menschen ausgerichtet. Die Erotik ist Teil der Zeugung. Diese wiederum ist Glied im großen „Kreislauf“ von Werden und Vergehen. Die Erotik selbst ist jedoch nicht Gegenstand von „Bauchbeben“ sondern die sie bedingenden und belebenden Kräfte.

Damit legt Gerhard Multerer schon am Anfang seiner Laufbahn als Buchkünstler (soll heißen als Künstler, der seine Anliegen in die Form des Buches bringt) den Rahmen seiner zukünftigen Arbeit fest:

Ihn interessieren die Dinge hinter den Dingen, Grenzerfahrungen, die Schnittstellen zwischen Alltag und Transzendenz.

Fremde Heimat, datiert 5.10.1993 und als Einschreiben an seinen Empfänger verschickt, ist „Ein Buch für ein Bild; für einen Soldaten, für einen Krieger, der als Hirte gezeugt wurde, der in uns allen lebt, und stirbt, wenn er mutwillig getötet wird.“ Anlass für dieses Buch ist der Einsatz deutscher Soldaten in Somalia; es geht also vordergründig zunächst einmal um ein politisches Problem. Im Gegensatz zu Bauchbeben dominieren Bilder in stillen Pastellfarben, welche die Kräfte der geschlechtlichen Zeugung, die emotionale Bindung an die Mutter, den Menschen als Hüter des Geschaffenen, aber auch das Machtprinzip und die Kraft der Vernichtung, Verletzungen thematisieren. Dies anzusprechen, ist eigentliches Anliegen des Künstlers. „Was angesichts des Todes wesentlich bleibt ist existierend getan, was hinfällig wird ist bloßes Dasein“. In das Buch collagiert sind Sterberegister aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, Originaldokumente, deren historische Perspektive den Einzelfall generalisieren und ins Allgemeingültige heben.

Betr.: Produktion.

Ihrem Wunsche, vorgebracht mit Schreiben vom 18.1.44, will ich gerne entsprechen und die Grabkreuze anfertigen lassen, falls Sie mir die notwendigen Schnittholzscheine zukommen lassen können.

Der Abdruck dieses Schreibens liegt dem Buch bei und wird zudem mit künstlerischen Mitteln auf einer Seite gestaltet. Die Absurdität der Worte gerinnt in Wort und Bild zum Dokument der Inhumanität eines jeden bewaffneten Konflikts.

Rote Tränen, erschienen 1997, beschäftigt sich exemplarisch mit dem Thema „Menschenhandel“ am Beispiel nach Deutschland verbrachter kasachischer Prostituierter. In den Augen Multerers heißt dies: „subjektive Reflexion eines bestimmten Lebenssachverhalts an einem bestimmten Tag im Leben eines bestimmten Menschen zur deutsch-russischen Wirklichkeit.“

Es ist eines der wenigen Bücher des Künstlers, das sich auf den ersten Blick leicht entschlüsseln lässt: Junge Mädchen werden in eine deutsche Kleinstadt gebracht und gezwungen, dort als Prostituierte zu arbeiten. Die Geschichte wird ohne Brüche in zumeist dunklen Bildern erzählt. Aus Multerers Symbolwelt akzentuieren Reh und Schwan die menschliche Tragödie, die wie ein Film vor unseren Augen abläuft; auch die Tatsache, dass der eigentliche Verursacher seinem Schicksal nicht entgeht (der getötete „lupus“ hängt bluttriefend kopfüber im Bild) nimmt nichts von der Beklemmung, die das Betrachten dieses Kunstwerkes hinterlässt. Die Buchseiten waren ursprünglich ein 4,5 Meter langer Leinensack, der als Schutzhülle für ein eingerolltes Segel in der Binnenschifffahrt Verwendung fand und der im Stück gefaltet wurde, bis er das Buch ergab. Auch das Gewicht des deshalb über vier Kilogramm schweren Buches, die Holzplatten, die als Verstärkung für den vorderen und den hinteren Buchdeckel dienen und der immer noch beißende Geruch der Farben tragen zu diesem beklemmenden Eindruck bei.

roses are still roses ist mit dem Datum 1.5.1998 versehen. Dieser Titel spielt an auf Gertrude Steins Satz „Rose is a rose is a rose is a rose“ aus dem 1913 geschriebenen Gedicht „Sacred Emily“, der wohl zu einem der am häufigsten variierten Zitate der Kulturgeschichte gehört. Mit diesem Satz beschrieb Stein die Tatsache, dass bereits die Benennung eines Gegenstands beim Zuhörer die damit verbundene Bildlichkeit und Gefühlswelt evoziert. Petrarcas Schilderung der Besteigung des Mont Ventoux aus dem Jahre 1336, die erste moderne Reisebeschreibung überhaupt und zugleich Reflexion des Dichters über das Leben, kontrastiert Multerer mit seiner eigenen Suche nach der „Realisation der Realität“. „Ein Buch ist ein Berg aus Worten“, will heißen, dass es zuerst Begrifflichkeiten zu überwinden gilt, möchte man zum Wesen der Dinge vorstoßen. Die durch die massive Einwirkung von Schusswaffen zerstörten Seiten des Buches verweisen auf die Verletzlichkeit des Menschen auf diesem Weg der Sinnsuche. Eine Doppelseite trägt das Begriffspaar „ROSE GARDEN BATTLE FIELD“. Das äußerst komplexe Symbol der Rose – sowohl himmlische Vollkommenheit als auch irdische Leidenschaft, Ewigkeit und Zeit, Leben und Tod – wird zum inneren Schlachtfeld des Künstlers.

Gerhard Multerer steht mit dem Wander- und Naturmotiv in der Tradition der Romantik, als die Künstler die in Vernunft und Gefühl aufgespaltene Welt in ein harmonisches Ganzes zusammenführen wollten. Der eingangs angesprochene und für Gerhard Multerer typische Antagonismus zwischen Ratio und Emotion speist sich also nicht nur in diesem Buch aus neoromantischem Gedankengut.

Ich lerne Gerhard Multerer am 29.06.1993 in der Kulturwerkstatt Haus 10 im Kloster Fürstenfeld anlässlich des Vortrags „Die Kunst der ehemaligen DDR“ kennen. Zu diesem Zeitpunkt verbringt er aus beruflichen Gründen einige Zeit in Fürstenfeldbruck, ich lebe damals in der Kreisstadt an der Amper. Als ich ihm von meiner Sammlung moderner Künstlerbücher nach 1945 erzähle, zeigt er sich interessiert und so vereinbaren wir das nächste Treffen. Einen knappen Monat später, am 20.07.1993, kommt Gerhard Multerer mit zwei seiner Künstlerbücher (Bauchbeben – erschienen 1991 und Vereinigungsdruck – erschienen 1992) zu Besuch. In langen Gesprächen – nicht nur an diesem Abend – tauschen wir uns über die Aufgabe von Kunst, das Buch als Medium künstlerischen Schaffens und Strategien des Sammelns aus. Noch im gleichen Jahr erhalte ich das am 5.10.1993 entstandene Fremde Heimat per Einschreiben – Absender und Empfänger auf die Rückseite des hinteren Buchdeckels geschrieben, mit „MAIL ART“ abgestempelt und verschnürt. Interessant, dass es für den Künstler in dieser frühen Phase künstlerischen Schaffens vor allem darum geht, das Geschaffene durch Versenden zu sichern, es vor der Vernichtung zu bewahren. Denn er unterliegt, so erzählt er selbst, der zwanghaften Versuchung, Fertiges zu zerstören, um ein immer noch besseres Kunstwerk zu kreieren.

Dann folgt eine Pause von über drei Jahren, die Gerhard Multerer mit einem Brief in Künstlerbuchform (Ein Brief an Reinhard, 6.12.1996) beendet. In diesem Buch legt er die Koordinaten seines zukünftigen Schaffens fest: „Künstlerisches Verhalten erstreckt sich vielmehr auf alle Lebensbereiche, bis hin zur bloßen Teilnahme am Prozeß Leben.“ Kunst ist für ihn also eine der Möglichkeiten, im Bezugsfeld seiner Familie am Leben teilzunehmen – durch seine Frau Karin, die – wie er sagt – ihn „eingependelt“ hat und seine am 19.05.1995 geborene Tochter Marie-Theres, da alle seine Bücher „ausschließlich mein Vermächtnis für meine geliebte Tochter“ sind. Von nun an findet der Schwerpunkt seiner Arbeit in der Form von Künstlerbüchern statt, von denen die meisten in Privatsammlungen über die ganze Welt verstreut sind – in Deutschland, Belgien, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten von Amerika. Durch einen enormen logistischen Aufwand des Künstlers können sie nun in der Bibliothek der Universität Salzburg zum ersten Mal alle gemeinsam gezeigt werden.

Die „Buchwerke“ Gerhard Multerers, um diese überaus zutreffende Bezeichnung Dominique Moldehns an dieser Stelle zu wählen, leben nur durch die symbiotische Beziehung zu ihrem Leser bzw. Betrachter. Dies gilt bis zu einem gewissen Grad natürlich für jeden Text und jedes Bild, aber ein Werk dieses Künstlers fordert aktive Partizipation des Rezipienten ein, durch die er selbst zum Bestandteil des Werkes wird. Ist er nicht dazu bereit, bleibt ihm dieser Kosmos verschlossen. Rote Tränen ist – wie bereits erwähnt – schnell zu dechiffrieren. Untersucht man aber rein zufällig die malerisch nicht bearbeiteten Räume, die durch die Faltung des Leinenstoffs entstehen, entdeckt man in das Material hineingearbeitete enge Taschen, die Bruchstücke der Kopien von Ausweispapieren junger russischer Frauen enthalten; Papiere, die durch den Prozess des Herausnehmens immer stärker fragmentieren.

Auch das Prinzip der Überlagerung verschieden großer beschnittener und teilweise gerissener Papiere unterschiedlicher Beschaffenheit setzt Multerer ein. So entfaltet sich, nicht unähnlich einer aufbrechenden Knospe, ein Panorama sich fortwährend ergänzender und verändernder Bilder:

In den Auftaktseiten von Der Bienensucher gibt zunächst ein Fenster im starken Karton des gelb eingefärbten Einbands den Blick frei auf die Collage eines Bienenhauses aus Wellpappe, montiert auf einen Streifen gelben Papiers. Beim Öffnen des Buches kontrastiert dieser Streifen mit dem weißen Papier der ersten Seite, die Titel, Signatur und Datum trägt. Blättert man den schmalen Streifen um, verschwindet er, da auf der Rückseite weiß, optisch regelrecht auf der weißen Innenseite des Buchdeckels und lässt nur die Titelseite wirken. Die erste eigentliche Buchseite ist zweigeteilt und zeigt einen Skifahrer auf einer weißen Kugel. Da sich die beiden Hälften des Papiers überlappen, muss man zunächst den oberen Teil öffnen, um dann die weiße Kugel, jetzt betitelt „Bienenhaus im Winter“ und darüber die Silhouette eines goldgelben Bienenhauses („Bienenhaus im Sommer“) freizulegen. Die Muschelschale ist ein Symbol, das der Künstler gerne einsetzt, steht sie doch für das weibliche Prinzip, Fruchtbarkeit, Liebe und Leben. In Mutter von allem (2002) wird sie zum Strukturelement eines ganzen Buches; beim Blättern ergänzt sie sich Stück um Stück, ist aber erst am Ende des Buches über die aufgefächerten Seiten hinweg in ihrer Gesamtheit zu erkennen, zusammen mit einem Hirschgeweih, das sich auf dieselbe Weise bildet, und einem schwarzen Kreuz.

Der Prozess des Blätterns wird so zum schamanistischen Akt, der die Beschwörung des männlichen und des weiblichen Prinzips für alle Ewigkeit zum Endziel hat.

In einigen seiner Bücher zerbricht der Künstler die Linearität des Textes, der erst durch die aktive Partizipation des Betrachters in einer Bewegung über Raum und Zeit hinweg neu geschaffen wird: In Mutter von allem besteht der Text aus 14 Zeilen Einleitung, die sich im Buch befinden und sechs Strophen, von denen jede in eine ins Buch montierten Tasche aus Wellpappe eingelegt ist. In mühevoller Arbeit muss jede einzelne Tasche geöffnet, der Text entnommen und auseinandergefaltet werden.

In dem Künstlerbuch die falknerin (2000) ergeben 16 Kurztexte eine Geschichte; jeder der 16 Texte ist als kleines verschnürtes Leporello in das Buch montiert. Löst man alle Bänder und kippt das Buch, fallen die Leporelli bis zum Anschlag heraus, wobei sie auf diese Weise den im Buch zum Thema gemachten Falkenflug simulieren.

So gelingt es Gerhard Multerer, Gesamtkunstwerke entstehen zu lassen, die es in dieser Art in unserem Kulturraum selten zu sehen gibt. Gesamtkunstwerke, von denen jenes Einzelne ein Stück Lebensweg des Künstlers beschreibt („ZEIT die Dimension des Glücks“ nennt dies Gerhard Multerer in Das Paradies ist eine immense Bibliothek aus dem Jahre 1997), deren zumeist intimer Hintergrund uns jedoch nur selten zur Kenntnis gelangt und den wir deshalb mit unseren eigenen Erfahrungen substituieren. Was wir also in der Ausstellung der Bibliothek der Universität Salzburg vor uns sehen, ist das Archiv eines bislang fünfzigjährigen Lebens, als dessen Archivar der Künstler selbst fungiert.

Es war einmal ein Königsgeschlecht, in dem war es Sitte, dass jede Prinzessin an ihrem 15. Geburtstag einen elfenbeinernen Reif ihrem Lieblingsfalken geben musste. Der Falke nahm ihn mit dem Schnabel, stieg damit auf, bis er den Augen entschwand und auf seinem Flug liess er den Reif irgendwo fallen. Es wurde aber der Mann, der den Reif fand, Gemahl der Prinzessin und König des Landes ohne Ansehn des Standes und der Person.

(Lilli Hagelberg, 1895 Wien – 1943 Auschwitz, „Der entzwei gebrochene Reif“, aus dem unveröffentlichten Nachlass im Münchner Stadtarchiv)

Dem Künstler Gerhard Multerer ist es gelungen, diesen Reif zu drechseln, ihn in die Sphären des Himmels eintauchen zu lassen, um ihn dann in unsere Hände zu geben – als Schlüssel für unser ganz eigenes Königreich, unseren Teil des irdischen Paradieses.

Dafür sei ihm herzlichst gedankt.

Reinhard Grüner,

München,

im Juni 2007