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Sindone - Bookart

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UNIKATBÜCHER
GERHARD MULTERER
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Sindone

Ebene 2



"La Sindone"   -   Der Rebell als Mystiker
(von Klaus Umbach aus DER SPIEGEL 4/2006  )

Kirchen und Konzertsäle in aller Welt stehen ihm offen, Michael Moore und Tom Tykwer mischen seine Musik in ihre Filme, und für die Olympischen Winterspiele 2006 hat er jetzt das Turiner Grabtuch vertont: Der Komponist Arvo Pärt ist der erfolgreichste Sonderling der Neuen Musik.
Gleich zum Auftakt eine dramatische Eruption, grell, gleißend, geradezu schmerzhaft intensiv. Aber schon ersterben die Klänge, und ein paar Trommelschläge scheinen die Musik rasch zu Grabe zu tragen. Dann blühen plötzlich neue Motive auf. Neuer Pomp. Schließlich ein leiser moribunder Akkord in Moll, ein schwebender Tod. Schleierhaft und schön. Typisch Pärt. Er selbst steuert als Uraufführung dieses Stück aus besonders apartem Stoff bei: Seine jüngste Orchesterkomposition auf das legendäre Turiner Grabtuch, das zu den meistverehrten Reliquien der katholischen Christenheit gehört und ihr den Titel gegeben hat: »La Sindone«.
So ist er, und so wie in »Sindone« klingt es bei ihm oft: schrill und gleichwohl eingängig, zugleich barsch und lammfromm. Jeder auf der Welt kennt mittlerweile den Fluss seiner Melodien, die Wärme der Instrumentation, die getragene Feierlichkeit der Tempi und den gebenedeiten Glamour seines Schaffens - die Musikwelt zwischen Vancouver und Hongkong, die sakrale Klientel und die profane Kundschaft, das philharmonische Establishment und die Avantgarde in der Nische.
Den Mann dahinter kennt kaum einer. Dieser blasse, hagere Tonsetzer, der mit seiner hohen Stirn und dem stattlichen Popenbart in jede Dostojewski-Novelle (z.B. Weiße Nächte!) passen würde, ist gleichzeitig der Radikalste und Stillste der zeitgenössischen E-Musik-Szene, ein seltsamer Heiliger, ein begnadeter Sonderling. Kaum Interviews, kein PR-Getöse. Gleichwohl ein Bombenecho. Pärt ist Global Player, ist längst Weltmeister in symphonischem Entertainment. Sein Violinschlüssel ist Passepartout für den gesamten internationalen Konzertbetrieb. Er verschafft dem Neutöner sogar Einlass ins Kino. Denn wie war das mit Pärt und dem 11. September 2001?
Schreie gellen, Sirenen heulen, Krach, Chaos. Aber die Leinwand bleibt schwarz. Von der makabren Magie jener welthistorischen Szene, als sich an einem strahlenden Spätsommermorgen zwei Boeings in die Doppeltürme des New Yorker World Trade Center stürzen, ist nichts zu sehen: In der Polit-Dokumentation »Fahrenheit 9/11« des amerikanischen Filmemachers Michael Moore bleibt der Technicolor-Zauber des Terroraktes ausgespart.
Nun die Bilder, in stummen Sequenzen: Scheu, meist aus diskreter Distanz, fängt die Kamera bloß sprachlose Menschen ein. Leise, anfangs kaum hörbar, ist da endlich eine Folge langsam abfallender Tonleitern in a-Moll unterlegt. Glocken läuten, schließlich dehnen die Streicher Note für Note zu einem klingenden Kondukt aus. Ein Crescendo zum Heulen - »Cantus«, ein Lamento von Pärt. Gemeinhin haut die Neue Musik auf den Putz: Heavy Metal auf Philharmonisch. Pärt aber salbt. Sein Tonsatz ist Balsam. Gegen das Getöse des Tages kommt er mit Mystik. Kein zeitgenössischer Tonsetzer wird inniger angehimmelt als diese Kultfigur aus dem Baltikum.
Als 1998 zur 750-Jahr-Feier der Grundsteinlegung des Kölner Doms eine würdige Jubelpartitur erwünscht war, lieferte Pärt als Auftragswerk den rund eineinhalbstündigen Buß-»Kanon Pokajanen«, dessen vollmundiger Chorsatz wahrer Engelszungen bedarf.
Als im Mai 2005 in Berlin das Holocaust-Mahnmal eingeweiht wurde, begann die Feierstunde mit Pärts »Fratres« - einem Stück, dessen Erstfassung (1977) von einer einzigen leeren, auf über elf Minuten Spielzeit gedehnten Quinte strukturiert wird. Ein sprödes Opus und gleichwohl ein Hit. Allein 2005 erlebte »Fratres« mehr als 70 Aufführungen weltweit.
Pärt schreibt ständig neue Gebete, Litaneien, Oden und Messen, besingt die »Wasser zu Babel«, den »Schlüssel Davids«, den »Sproß aus Isais Wurzel« und verachtet den »Konzertsaal mit seinen Leidenschaften und Versuchungen«, weil der »den Künstler kaputtmacht«, »die Kirche« aber »heilt«.
Was, bei Gott, verschafft diesem komponierenden Kirchenvater so viel herzliche Zuneigung einer sonst glaubenslosen Welt? Und ist bei dem gottgefälligen Schaffen nicht doch auch manch esoterisches Klingeling im Spiel, ein Crossover von Ave-Maria und Ayurveda?
Pärt selbst schweigt sich aus. »Ich habe keine Meinung über meine Musik«, hat er einmal geäußert. »Wenn ich ein Stück komponiere, ist es wichtig, nicht darüber zu reden, weil ich sonst den Impuls zum Schreiben verliere. Und wenn das Werk fertig ist, ist ohnehin alles gesagt.«
Dafür reden die Deuter umso penetranter und bleiben doch meistens ratlos, weil der Mystiker aus Estland sich jeder Einordnung entzieht. Der asketisch wirkende Arvo Pärt ("Ich bin kein Prophet, kein Kardinal, kein Mönch, nicht einmal Vegetarier") hat sich radikal von allen Moden und Schulen der Neuen Musik abgesetzt und stattdessen den Wohlstand traditioneller Tonalität besungen. Die »sterile Demokratie« der Zwölftonmusik habe in ihm »jedes lebendige Gefühl erstickt«, man könne, stöhnt er, geradezu »ertrinken im trüben Wasser der Kreativität unserer Tage«.
So gallig dachte Pärt allerdings nicht immer über seine Zunft. Nachdem der Sohn eines Kraftfahrers aus dem estnischen Landstädtchen Paide im Schulorchester erste musikalische Erfahrungen gesammelt und daheim auf einem ramponierten Klavier herumgespielt hatte, ging er zum Studium ans Konservatorium und schrieb mit zwei Sonatinen und »Vier leichten Tanzstücken« seine Gesellenstücke.
Er komponierte kämpferisch, im Stil der jungen Revoluzzer. Hatte er, der beim Rundfunk arbeitete, schon 1960 mit seiner (den Faschismus-Opfern gewidmeten) Zwölftonpartitur »Nekrolog« den Unwillen der kommunistischen Hardliner hervorgerufen, so führte die Uraufführung von »Credo« acht Jahre später zum Skandal.
Die kommunistischen Behörden fühlten sich provoziert, verboten alle weiteren Darbietungen, erschwerten den Zugang zum Konzertbetrieb und verweigerten die Ausreisegenehmigung. Daraufhin wurde Pärt von einer Schreibblockade gelähmt, verstummte für Jahre und musste erst »wieder neu gehen lernen«.
Tatsächlich nahm seine Musik danach eine andere Richtung. In seiner unfreiwilligen Klausur hatte sich Pärt in den strengen, schmucklosen Stil gregorianischer Gesänge eingehört. Und plötzlich schrieb er keine ruppigen Atonalitäten mehr, sondern karge, skelettierte Tonfolgen voll archaischer Würde, und er ersetzte die vollfetten Klangbrocken seiner frühen Symphonien durch raffiniert instrumentierte Klanggespinste.
Der gregorianische Gesang habe ihm gezeigt, gestand Pärt, »dass hinter der Kunst, zwei, drei Töne zu kombinieren, ein kosmisches Geheimnis verborgen« liege. Mit diesem Credo war Pärt endgültig zum Prototyp einer neuen Einfachheit konvertiert.
Ob seine Musik seitdem im Kino erklingt, im Konzertsaal oder in der Kirche - ohne »Glöckchen« geht nichts mehr: »Tintinnabuli« (lateinisch: Glöckchen) nennt Pärt das Kompositionsverfahren, das er in seiner Auszeit entwickelt hat und das seiner Musik ihren sinnlichen Sog sichert. Aus der Erfahrung, dass das gleichzeitige Geläut von zwei unterschiedlich gestimmten Kirchenglocken niemals als dissonant empfunden wird, verbindet der Komponist zwei verschiedene Tonquellen: den klassischen Dur-Moll-Dreiklang und den - oft stufig abgesetzten - Verlauf einer Melodie.
Heraus kommt fast immer ein faszinierendes Amalgam aus Rausch und Anmut. Mal entwickelt sich die Musik dabei im monotonen Dreh einer Gebetsmühle, dann wieder mit der Energie eines strahlenden Dreiklangs. Pärts Musik, urteilte die »Welt«, fördere »anthroposophische Trance wie ökumenische Fröhlichkeit«.
Genau das aber schien Pärts kommunistischen Landesherrn seinerzeit ungeheuer. Unter dem Vorwand, mit seiner (zweiten) Frau Nora, einer jüdischen Musikologin, nach Israel reisen zu wollen, durfte der unbotmäßige Musiker 1980 endlich seine Heimat verlassen. Jenseits des Eisernen Vorhangs hatte der Kollege Alfred Schnittke vorgesorgt. Pärt schloss in Wien einen Vertrag mit der umsatzstarken Universal Edition, wurde österreichischer Staatsbürger und zog nach West-Berlin.
Inzwischen war sein Schaffensdrang nicht mehr zu bremsen. Allein bis 1985, innerhalb von knapp zehn Jahren, veröffentlichte Pärt über 50 Kompositionen in verschiedenen Besetzungen. Und spätestens nachdem Anfang der neunziger Jahre die Benediktinermönche des spanischen Klosters Santo Domingo de Silos mit ihren liturgischen Weisen in die Pop-Charts aufgerückt waren, wurde die Marktlage auch für Pärt himmlisch.
Stars wie der Pianist Keith Jarrett, der Geiger Gidon Kremer, das Hilliard Ensemble oder die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker wurden seine Interpreten, Regisseure wie Jean-Luc Godard, Werner Herzog und Tom Tykwer mischten Musik von ihm in ihre Filme.
Als Pärt im Oktober 2002 in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern vor der 35 Meter hohen Skulptur »Marsyas« des in Bombay geborenen Künstlers Anish Kapoor stand, war sein »erster Gedanke: Ich als Lebendiger stehe vor meinem eigenen Körper und bin tot«, und dann schrieb er im Gedenken an das Kapoor-Monument sein Klagelied »Lamentate« - ein ersterbendes Kunststück.
Es fängt mit grollenden Trommelwirbeln an, steigert sich in rabiate Posaunenausbrüche und zerfranst am Ende in tönender Lochstickerei. Dann, psst!, erklingen viele Minuten lang nur ein paar einsame Töne auf dem Klavier, ein A, ein H, ein C, ein E, gaaanz leise das Ganze, gaaanz langsam; zwischen den hingehauchten Singles liegen gaaanz lange Pausen; das Orchester tupft pianissimo ein paar Pizzicati hin, und am Ende, auf einem durch Pedalgebrauch milchig gesofteten Gis des Klaviers, löst sich der letzte Seufzer in Wohlgefallen auf.
Dann hört man das Nichts - das wohl schönste Nichts der Musikgeschichte



gerhard@multerer.org
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